Hausgeschichte(n)

Seit über fünf Jahren betreibt Ursel Schäfer das ‚Zimmer in der Au‘. Gemeinsam mit Ihrem Mann, dem Bauhistoriker Gerd Schäfer hatte Sie 2007 die Idee, direkt am gut frequentierten Kocher-Jagst-Radweg, Gästen eine schöne Unterkunft anbieten zu können. Das Haus in dem sich das ‚Zimmer in der Au‘ befindet, wurde von Ursel und Gerd Schäfer zwischen 2005 und 2012 liebevoll und in Eigenregie saniert und instandgesetzt.

Das 1534 errichtete Gebäude wurde vermutlich durch den damaligen Landesherren, Schenk Wilhelm von Limpurg, vor den Toren seiner Residenzstadt Gaildorf als Siechhaus errichtet. Mit seinen vier heizbaren Bohlenstuben stellt dieses Haus einen einzigartigen Sondertyp in der regionalen Hauslandschaft dar. Bis in die 1980er Jahre stand das im 19. Jahrhundert verlängerte Haus völlig allein in der heute als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesenen Kocheraue.

frontalWie die, seit der Bauzeit nahezu unverändert geblieben Bohlenstube im Obergeschoss und dir seit der Bauzeit unverändert gebliebenen Grundrisse der Etagen belegen, erzählt das alte Haus ungezählte Geschichten aus annähernd fünf Jahrhunderten seiner Nutzung. In der Schlussphase der Restaurierung des Hauses wurde eine zirka 100×80 cm große, in ihrer Art ganz besondere Abbildung Gaildorfs auf einer Bohlenwand entdeckt. Hierbei handelt es sich nicht um ein Gemälde, das mit Pinsel und Farbe entstand, sondern um eine Art Prägetechnik, mit welcher die Konturen der abgebildeten Gebäude und Landschaftselemente in das weiche Tannenholz der Wandkonstruktion gedrückt wurden. Selbst Fachleute des Landesdenkmalamtes kannten eine solche Abbildung bisher noch nicht. Entstanden ist das ortsfeste Abbild Gaildorfs vermutlich um 1800 und zeigt eine bis dahin unbekannte Stadtansicht.

Gaildorf war trotz seiner Geschichte als Residenzstadt der Limpurger Schenken damals noch ein kleines, unbedeutendes Städtchen inmitten des Schwäbisch Waldes, das vorwiegend von der Holzflösserei für die Salzproduktion in der nahen freien Reichsstadt Hall (Später ‚Schwäbisch Hall‘) lebte. Die Vorliebe für Pferde, oder wie man im Schwäbisch sagt: ‚Gail‘, hat der im Jahr 1404 als Stadt bezeichneten Siedlung einst ihren Namen verliehen. Noch heute wird alljährlich im Februar der große Pferdemarkt, als Stadtfest gefeiert.

Vermutlich seit seiner Bauzeit wurde das Haus als Spitalsgebäude verwendet. Seine Lage, flussabwärts der Stadt und an der alten Straße (heute Kochertal-Radweg) durch die Kocheraue war der ideale Standort für eine Sozialstation, wo Kranke und Arme Aufnahme und Unterschlupf fanden. Aufgrund einer für das Königreich Württemberg befürchteten Cholera-Epidemie zum Anfang der 1830er Jahre, wurde das Gebäude 1833 um sieben Meter nach Norden verlängert und im Dachraum weiter ausgebaut. Die Erweiterungen boten jetzt Platz für acht zusätzliche Krankenstuben, womit sich die Funktion des Hauses zum Lazarett, oder frühen Krankenhaus hin entwicklete.

Mit dem Bau eines näher bei der Stadt gelegenen Krankenhauses in Gaildorf im ausgehenden 19. Jahrhundert und der damals grassierenden Armut der Landbevölkerung nutze man das Gebäude fortan als städtisches Armenhaus. Diese Funktion kam dem Gebäude bis 2004 zu. Die Stadt als Eigentümerin sah sich außer Stande, das denkmalgeschützte und damals dem Einsturz nahen Haus aus eigenen Kräften entsprechend zu sanieren.

alt2005 kauften Gerd und Ursel Schäfer das heruntergekommene und baufällige Kulturdenkmal und sanierten es mit viel Fleiß und Hingabe zu einem wahren Schmuckstück. Der Bauhistoriker und die gelernte Bauzeichnerin arbeiten schon seit über dreißig Jahren in der Denkmalpflege und wissen, wie man die Qualitäten eines alten Hauses herausschält (mehr dazu unter www.bauforschung-gerd-schaefer.de). „Erst war da nur ein großes Grundstück mit einem noch größeren Gebüsch“ scherzt Gerd Schäfer immer wieder stolz. „Und als wir das Gebüsch zurückgeschnitten haben, kam plötzlich dieses Haus drunter vor“. Tatsächlich war das ganze Gebäude bis unter das Dach mit Efeu zugewuchert, was auch erhebliche bauliche Schäden angerichtet hatte. Doch in hunderten Stunden und mit viel Eigeninitiative haben sie sich hier ein schmuckes Zuhause geschaffen, in dem sogar noch ausreichend Platz für Gäste ist.

„Ich freue mich immer, wenn Leute kommen“ sagt Ursel Schäfer. Platz ist genug und die Zimmer haben eine eigene Haustüre, womit man völlig unabhängig ein- und ausgehen kann. Eine Garage mit großer Werkstatt haben die beiden auch noch gebaut, sodass das ganze Anwesen mittlerweile ein richtiger kleiner Hof geworden ist

„Die beiden Fremdenzimmer sind bewusst modern gestaltet“ betont Ursel Schäfer. „Viele Leute wundern sich, wenn sie die Zimmer sehen. Sie erwarten irgendwie immer alte, brüchige Kammern, weil das Haus von außen eben zeigt, wie alt es ist.“ Alte Häuser und modernes Wohnen, das ist für Gerd und Ursel Schäfer kein Wiederspruch. Sie haben die beiden Fremdenzimmer ganz modern und gemütlich eingerichtet. Alles was man von einem Hotelzimmer erwarten würde, ist hier auch da. „Wir haben das Haus in vielen Bereichen neu aufbauen müssen. Da war gar nix mehr da, das hätte saniert werden können (…) Es war schon einer meiner schwersten Patienten.“ erzählt der Bauhistoriker.

DSC_0021Heute steht das ‚Siechenhäuslyn‘, wie es in einer alten Urkunde erwähnt wird, wieder stolz da und bietet viel Platz für Gäste und Leute mit Feierlaune. Denn im Erdgeschoss des Anbaues, haben die beiden Besitzer eine Gaststube nach historischem Vorbild und alter Möblierung eingerichtet. Die beiden wissen, wie Gäste sich wohlfühlen, denn beide haben auch gastronomische Erfahrungen. Den rund dreißig Gäste fassenden Gastraum stellen sie Interessierten für Veranstaltungen in Eigenregie zur Verfügung, weil es so etwas in der Umgebung fast nicht gibt. „Viele wollen einfach nur mit der Familie feiern und da ist das Wohnzimmer zuhause schnell zu klein. Oder man will nicht das ganze Haus putzen müssen, nur weil die Verwandtschaft kommt. Außerdem bringen viele selber Kuchen oder Essen mit. Kneipen lassen sich darauf selten ein und hier ist alles da, damit man sich ein schönes Fest machen kann“ berichtet Ursel Schäfer.

„Die ‚Kneipe‘ …“ – wie Gerd Schäfer seine hauseigene Gaststube nennt – „haben wir in einem alten Haus ausgebaut das abgerissen wurde und hier wieder eingebaut. Wir haben uns den Erhalt des schönen Alten zur Aufgabe gemacht. Und hier leben wir unsere Überzeugung. Aber selber nochmal ein Wirtshaus führen, das mache wir nicht mehr – man wird ja nicht jünger“ lachen beide.

2013-05-11 13.29.33Interessierte können jederzeit eine Reservierung der Gaststube oder der Fremdenzimmer anfragen. Ein Ort der Ruhe ist dieses Fleckchen Erde allemal. Es liegt mitten im Naturschutzgebiet Kocheraue, in einer weiten Flussbiegung nahe der Altstadt von Gaildorf, die fußläufig in wenigen Minuten erreichbar ist.

„Es ist nachts so ruhig hier, dass ich heute vollständig verschlafen habe“ berichtet eine Dame, die grade zu Gast ist.